Ethik | Arzt-Depesche 8/2020

Ethische Hürden der Körper-zu-Kopf- Transplantation

2013 verkündete der italienische Arzt Sergio Canavero den Start d des Projekts „HEAVEN“. Das Ziel: eine cephalosomatische Anastomose am Menschen. Fünf Jahre später veröffentlichte er ein Protokoll, in dem die wesentlichen Schritte eines solchen Eingriffs erklärt sind. Doch wäre eine Körper-zu-Kopf-Transplantation ethisch überhaupt vertretbar?
In einer Publikation der Fachzeitschrift Bioethics geben zwei chinesische Philosophen eine eindeutige Antwort: Nein, das gegenwärtig denkbare Verfahren der cephalosomatischen Anastomose ist technisch unausgereift, kaum wissenschaftlich fundiert und aus ethischer Sicht unzulässig. Wie begründen sie ihren Standpunkt?
 
Nie trennbar: Wissenschaft und Ethik
Für die meisten Mediziner klingt es selbstverständlich: Ethisches Handeln setzt gute wissenschaftliche Praxis voraus – nur so kann das Risiko für den Patienten minimiert werden. Doch schon die präklinischen Versuche von Canavero zur cephalosomatischen Anastomose werfen Zweifel auf. Obwohl er zusammen mit seinem Kollegen Xiaoping Ren zahlreiche, nach eigener Aussage „erfolgreiche“ Tierversuche durchführte, wurden die Ergebnisse größtenteils nicht publiziert. Überhaupt setzte Canavaro die Maßstäbe für erfolgreiche Forschung niedrig: In einem Fall bezeichnete er ein Experiment an 80 Ratten als gelungen, da zwölf der Tiere „erst“ 24 Stunden nach der Körper-zu-Kopf-Transplantation verstarben. Auch Versuche an Hunden und Primaten seien geglückt, doch die veröffentlichten Fotos waren unscharf, Videos oder anderes Beweismaterial gab es nicht. Von einem technisch umsetzbaren, sicheren Eingriff kann zum jetzigen Zeitpunkt also keine Rede sein. Versuche am lebenden Menschen, wie sie Canavero und Ren vor einigen Jahren ankündigten, sind also unzulässig.
Aus anderen Forschungseinrichtungen gibt es nur vereinzelt Berichte zu Experimenten auf dem Gebiet der cephalosomatischen Anastomose. In den meisten Fällen sind es Tierversuche, die innerhalb weniger Minuten oder Stunden zum Tod führten.
 
Wer ist Person C?
Angenommen, eine cephalosomatische Anastomose sei technisch möglich und mit einem vertretbaren Risiko für den Patienten verbunden. Person A, körperlich unheilbar krank, würde also den Körper der hirntoten Person B erhalten. Wer wäre die „geheilte“ Person C? Würde nun Person A oder B von dem Eingriff profitieren? Spontan würden die meisten Menschen diese Identitätsfrage wahrscheinlich neuroreduktionistisch beantworten: Das heißt sie würden das „Ich“ mit dem Gehirn gleichsetzen. Oder wie es der US-amerikanische Neurowissenschaftler Joseph LeDoux formulierte: „Die Essenz dessen, wer wir sind, liegt in unserem Gehirn.“ Demnach wäre die Persönlichkeit der entstandenen Person C identisch mit der von Person A. Der Körper halsabwärts wäre also lediglich ein austauschbares Organ.
Neuere Erkenntnisse aus der Kognitionswissenschaft widersprechen jedoch dieser rein neuroreduktionistischen Sichtweise. Demzufolge ist der Geist eines Menschen das Resultat zahlreicher Interaktionen zwischen dem Zentralnervensystem, dem Körper und der Umwelt. Es ist also wahrscheinlich, dass sich die Person nach dem Eingriff von der Person A und der Person B unterscheidet. Verfolgt man diesen Ansatz weiter, gerät man in ein ethisches Dilemma: Denn ist es nicht die Idee einer Transplantation, einen Menschen am Leben zu halten, sein Ich zu bewahren? Doch wenn dies nur durch die Umwandlung in einen anderen Menschen möglich ist, wird die kranke Person – ob nun A oder B – durch den Eingriff nicht gerettet.
Ob die Transplantation nun gelingt oder nicht: Immer gäbe es einen Todesfall, einmal ist es der Körper, ein anderes Mal die Persönlichkeit.
 
Entscheidungen, die niemand treffen kann
Es gibt noch einen weiteren Punkt, der die Körper-zu-Kopf-Transplantation zu einem ethisch nicht vertretbaren Eingriff macht, zumindest in Anbetracht der Zweifelhaftigkeit bisheriger Forschungsergebnisse: Es wäre nicht möglich, eine gültige Patienteneinwilligung zu erhalten. Ein Grund ist, dass der Arzt selbst zu wenig über den Eingriff und seine Folgen weiß, um den Patienten ausreichend aufzuklären. Natürlich kann man argumentieren, dass der Patient auch die größten Risiken auf sich nimmt, wenn nötig sogar den Tod, nur um nicht weiterhin mit einer qualvollen Krankheit leben zu müssen. Und dennoch: Am Ende steht immer die Hoffnung zu überleben. Das gegenwärtig denkbare Verfahren der cephalosomatischen Anastomose endet jedoch so gut wie sicher mit dem Tod (womöglich wäre sogar eine Spontanheilung der ursächlichen Erkrankung wahrscheinlicher).
Zu bedenken ist auch, dass der gespendete Körper nicht mehr für Organspenden zur Verfügung stehen würde, mit der man mehrere Menschen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit retten könnte. Und überhaupt: Ist es nicht sinnvoller, die enormen Forschungsgelder, die noch nötig wären, um die cephalosomatische Anastomose realisierbar zu machen, in Projekte zu stecken, die auf eine Heilung der zugrundeliegenden Erkrankung abzielen? RG
Quelle: Lei R, Qiu R: Impassable scientific, ethical and legal barriers to body-to-head transplantation. Bioethics 2020; 34(2): 172-82

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