Interview | Arzt-Depesche 1/2017

Off-label-drugs „for free" – Arzt-Qualifizierung zur Therapie – Krebs als chronische Krankheit

Arzt Depesche Onkologie:
Was sind für Sie die wichtigsten Entwicklungen bei medikamentösen Therapien in der Onkologie in den letzten Jahren?
 
Prof. Dr. med. Carsten Bokemeyer Direktor der II. Medizinischen Klinik des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf:
Hier sehe ich zuvorderst das Erkennen wichtiger onkologischer Treiber-Mutationen, wie zum Beispiel beim Bronchialkarzinom oder auch der CML. Das zunehmende Verständnis dieser Mutationen ermöglicht völlig neue, zielgerichtete Therapien, die innerhalb der letzten zehn Jahre zu einer deutlichen Überlebensverlängerung bei Patienten geführt haben. Ein zweites großes Feld stellt die Immunonkologie dar, bei der es ebenfalls ziemlich positive Entwicklungen in den vergangenen Jahren gab.
 
Welche Entwicklungen waren aus gesundheitspolitischer Sicht für Sie spannend?
Hier ist in erster Linie die Preisentwicklung onkologischer Präparate zu nennen. Weiterhin prägend waren die Diskussionen um das Thema, wie in Zukunft neue onkologische Präparate in klinischen Studien überhaupt noch getestet werden können, wo einzelne Patientengruppen mit immer definierterem molekularen Profil immer kleiner werden. Das stellt eine Kehrseite der personalisierten Medizin für die Forschung dar, die uns methodologisch sehr herausfordert. Ein weiteres Thema ist die Frage, ob sich die in Studien gefundenen Ergebnisse überhaupt in der Praxis wiederfinden. Hierbei gilt es, gerade die Patientenperspektive noch mehr zu evaluieren, zum Beispiel mit „patient reported outcomes“. Die Frage für Patienten dabei ist doch, ob der erzielte Lebensgewinn die Toxizität wert ist.
 
Wie bleibt die Therapie in Zukunft finanzierbar?
Wir müssen ja auch heute schon darauf achten, dass die Kosten und der Nutzen einer Therapie in einem vernünftigen Verhältnis stehen. Wir müssen dafür sorgen, dass Biosimilars und Generika eine angemessene Rolle spielen, um den Preisdruck im System nicht zu groß werden zu lassen. Das Paket von Maßnahmen sollte auch beinhalten, dass wir uns mit der Qualifizierung desjenigen Arztes auseinandersetzen, der mit hochpreisigen Medikamenten umgeht. Wir müssen festlegen, für welchen Arzt der Umgang damit überhaupt geeignet ist. Zudem könnte man darüber nachdenken, ob eine neue Therapie in einer Off-label-Indikation für die ersten drei Monate kostenfrei, also durch den Hersteller finanziert, verordnet werden kann, wenn innerhalb dieser Frist die Wirksamkeit nachgewiesen wird.
 
Zurück zur klinischen Medizin: Was war für Sie die interessanteste Studie der letzten Jahre?
Innovation findet ja an allen Ecken und Enden statt. Sogar im Bereich der „guten alten“ Chemotherapie gab es ja zuletzt einige Neuigkeiten, wie zum Beispiel Studien, die nachgewiesen haben, dass adjuvante Behandlungen beim Gallenwegskarzinom oder Chemo-Kombinationstherapien beim Pankreaskarzinom das Überleben deutlich verbessern. Bei zielgerichteten Therapien war zum Beispiel interessant, dass BRAF-Inhibitoren beim malignen Melanom Langzeitüberlebensraten von zwei bis fünf Jahren ermöglichen, wo früher die meisten Patienten nach einem Jahr verstorben waren. Im Bereich der Immunonkologie finde ich faszinierend, dass unabhängig von der onkologischen Entität Patienten mit besonders hoher Mutationslast von Checkpoint-Inhibitoren extrem profitieren, auch nach Vortherapie.
 
Was wird die Zukunft bringen? Aktuell erleben wir eine Zeit, in der uns jedes Jahr eine immens hohe Anzahl von neuen Medikamenten zur Verfügung steht. Jede neue Substanz führt für sich zu einer – vielleicht kleinen – schrittweisen Verbesserung des Patientenoutcomes, aber diese Verbesserungen summieren sich auf, auch durch Kombinationstherapien. Das wird Krebs in vielen Bereichen zu einer chronischen Krankheit machen, die im Einzelfall vielleicht nicht heilbar, aber langfristig kontrollierbar ist.
 
Was ist das Besondere am DGHO-Kongress? Den zahlreichen therapeutischen Innovationen in der Onkologie müssen auch Innovationen in den Strukturen der Onkologie folgen – auch hier darf es keinen Stillstand geben. Hier stellt der DGHO-Kongress unter anderem eine großartige Gelegenheit dar, alle neuen Erkenntnisse von Fachleuten dargestellt zu bekommen und intensiv zu diskutieren, sowohl in ihrer medizinischen Bedeutung als auch in ihrer Umsetzbarkeit.
 
Was steht auf Ihrer persönlichen beruflichen Agenda für die kommenden Jahre? Ich finde die Verbesserung der Versorgungsforschung in der Onkologie besonders wichtig, sowie die zunehmende Integration der Patientensichtweise in die Therapieentscheidungen. Ein besonderes Anliegen ist mir darüber hinaus die Langzeitbetreuung der Krebspatienten, die von ihrer Therapie profitieren und die so zu Langzeit-Überlebenden werden. Diese Menschen benötigen eine spezielle Betreuung. Hierzu haben wir in Hamburg ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem wir insbesondere jüngere Krebspatienten zwischen 18 und 39 Jahren, die vom Krebs geheilt sind oder so therapiert werden, dass sie langfristig damit leben können, besonders betreuen. Im Fokus stehen dabei Probleme wie die Spätfolgen der Therapie, aber auch soziale, psychologische oder partnerschaftliche Probleme der Patienten. Dieses „Back-to-life-Programm“ liegt mir persönlich sehr am Herzen.
 
Das Interview führte Dr. med. Christian Bruer

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