Bimodale Neuromodulation von Ohren und Zunge

Praxis-Depesche 3-4/2021

Tinnitus-Symptome gehen zurück

Ein Gerät zur bimodalen Neuromodulation von Zunge und Ohren verringert das Ausmaß von Tinnitus-Symptomen für ein Jahr. Dies zeigen die Ergebnisse einer internationalen Studie.
In der randomisierten TENT-A-Studie („Treatment Evaluation of Neuromodulation for Tinnitus“) wurde ein invasives Stimulationsgerät getestet, das über einen Kopfhörer eine mit Breitband-Geräuschen überlagerte Ton-Sequenz auf beide Ohren überträgt. Gleichzeitig stimuliert eine Sonde über 32 Elektroden die Zungenspitze, mit elektrischen Pulsen. Die sensiblen Signale werden vom Nervus lingualis des Nervus trigeminus an das Gehirn weitergeleitet. Die akustischen Signale erreichen das Gehirn über den Nervus vestibulocochlearis. So soll das Gehirn davon abgehalten werden, bei einem Ausfall sensorischer Reize etwa infolge einer Hörminderung Phantomgeräusche zu erfinden. Hirnforscher: innen bezeichnen dies als gezielte Neuroplastizität.
Die 326 Tinnitus-Patient:innen wiesen im „Tinnitus Handicap Inventory“ (THI) bzw. im „Tinnitus Functional Index“ (TFI) einen Wert von 43,5 bzw. 47,9 von 100 auf. Sie verwendeten das Therapiegerät zwölf Wochen lang täglich eine Stunde. Nach einer Schulung konnten sie Timing, Intensität und Übertragung der Stimuli selbst individuell kontrollieren. Verglichen wurden drei Stimulationsmodi: Im Modus 1 wurden die Ohren mit einer Vielzahl von Einzeltönen (500 - 8.000 Hz) beschallt, die mit elektrischen Impulsen auf der Zungenspitze synchronisiert waren. Im Modus 2 erfolgten die Impulse auf der Zungenspitze mit einer kurzen Verzögerung auf die akustischen Signale. Die Zungenposition war nicht festgelegt. Im Modus 3 wurden tiefere Töne – 100 - 500 Hz – vorgespielt, die Verzögerung war deutlich länger. Primäre Endpunkte waren die Veränderungen im THI und TFI nach zwölf Wochen. Eine weitere Bewertung fand nach einem Jahr statt.
Während der zwölfwöchigen Studie erfüllten 83,7 % der Teilnehmer:innen das Mindestmaß von einer Nutzung von 36 Stunden. Die Tinnitus-Symptome wurden bis zum Ende der Therapiephase statistisch signifikant reduziert. Auf THI und TFI gingen die Werte um rund 14 Punkte zurück (jeweils p < 0,001). Zwischen den Gruppen gab es erstaunlicherweise kaum Unterschiede.
Die positiven Effekte der Therapie hielten über die gesamte Nachbeobachtungszeit von zwölf Monaten an, wobei Gruppe 1 und 2 deutlich besser abschnitten als Gruppe 3. Zwei Drittel der Studienteilnehmer:innen gaben an, von der Therapie profitiert zu haben. Mehr als 75 % würden einem Bekannten mit Tinnitus empfehlen, diese Therapie auszuprobieren. GS
Kommentar
Die Ergebnisse, vor allem die nach einem Jahr, deuten darauf hin, dass höherfrequente Töne mit synchroner Zungenstimulation einen nachhaltigeren Nutzen bringen, so die Autor:innen. Eine schnellere Taktung sorgt wohl ebenfalls für eine dauerhafte Linderung der Beschwerden, eine fixierte Zungenposition scheint dagegen nicht erforderlich. Allerdings weist die Studie ein Manko auf: Da auf eine Placebogruppe verzichtet wurde, ist unklar, wie groß der Effekt im Vergleich zu einer Scheinbehandlung ist. Zur Zeit arbeiten die Autor:innen an einer weiteren großen klinischen Studie, in der die Veränderung des Stimulationsprotokolls im zeitlichen Verlauf der Therapie geprüft werden soll.
Quelle: Conlon B et al.: Bimodal neuromodulation combining sound and tongue stimulation reduces tinnitus symptoms in a large randomized clinical study. Sci Transl Med 2020; 12: eabb2830
ICD-Codes: H93.1
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