Strahlentherapie bei Prostatakarzinom | Arzt-Depesche 1/2017

Risiko für sekundäre Malignitäten

Eine mögliche Komplikation der Strahlentherapie von Prostatakarzinomen ist die Entstehung sekundärer Malignitäten in anderen Geweben. Es wird vermutet, dass Streustrahlung und genetische Auswirkungen der Bestrahlung das Risiko besonders von Blasenoder Darmkrebs erhöhen. Eine aktuelle Metaanalyse bestätigt diesen Verdacht.

Eine zunehmend diskutierte Frage in der Prostatakarzinomversorgung ist die Gefahr der Übertherapie, zumal die derzeitigen Behandlungsoptionen mit einem nicht unerheblichen Komplikationsrisiko verbunden sind. Wie hoch das Risiko für strahlenbedingte sekundäre Malignitäten ist, zeigte eine aktuelle Metaanalyse.
Eingeschlossen waren insgesamt 21 Kohortenund Fall-Kontroll-Studien, in welchen die Entstehungsrate histologisch unabhängiger sekundärer Krebserkrankungen in Blase, Rektum oder Kolorektaltrakt, den Lungen oder dem hämatologischen System zwischen bestrahlten oder nicht bestrahlten Prostatakarzinom-Patienten verglichen wurde. Die Studien waren meist von mittlerer Qualität und unterschieden sich stark in Bezug auf ihre Stichprobengröße und die Zeitdifferenz, die festgelegt wurde, um entstandene Tumore als Folge der Strahlentherapie zu klassifizieren.
Die gepoolte Analyse aller Studienergebnisse ergab unter Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren, dass strahlentherapierte Patienten tatsächlich ein signifikant höheres Risiko für eine sekundäre Malignität in der Blase (vier Studien, HR 1,67) sowie im Kolorektaltrakt (drei Studien, HR 1,79) oder Rektum (drei Studien, HR 1,79) aufwiesen. Das Risiko für hämatologische Krebserkrankungen oder von Lungenkarzinomen fiel dagegen nicht größer aus als in der Kontrollgruppe. Die Wahrscheinlichkeitsraten einer sekundären Blasen- oder rektalen Krebserkrankung stiegen dabei mit zunehmender Zeit an (OR für Blasenkrebs nach fünf bzw. zehn Jahren 1,3 bzw. 1,89; für Rektum-Ca 1,68 bzw. 2,2). Die absolute Risikodifferenz zwischen bestrahlten und nicht bestrahlten Patienten war allerdings nur gering und rangierte zwischen -0,9 und 1,9 Krebserkrankungen pro 100 Patienten.
Ob ein Patient ein höheres Risiko einer sekundären Malignität trug, hing dabei auch von der Art der Strahlentherapie ab. Im Gegensatz zur externen Strahlentherapie wurde bei einer Brachytherapie kein erhöhtes Krebsrisiko festgestellt. Neben der möglicherweise geringeren Strahlenbelastung des normalen Gewebes könnte dies auch daran liegen, dass für eine Brachytherapie i. d. R. eher jüngere und gesündere Patienten infrage kommen. OH

Kommentar

Das hier nachgewiesene therapiebedingte erhöhte Krebsrisiko ist nicht für alle Patienten mit Prostatakarzinom gleichermaßen relevant für die Therapiegestaltung. Denn das absolute Risiko einer sekundären Malignität ist scheinbar nur gering und eine Krebserkrankung, sobald sie entdeckt wird, oft behandelbar und nicht letal. Das gilt im Besonderen für kleinere Blasenkarzinome, die häufig zufällig im Rahmen der Zystoskopie entdeckt werden. Dennoch sollte das Strahlentherapie- bedingte Krebsrisiko bei der gemeinsamen Entscheidungsfindung mit dem Patienten besprochen werden. Eine Erwägung alternativer Therapieoptionen ist vor allem bei jungen Patienten mit wenig Komorbidität und einer langen Lebenserwartung sinnvoll.

Eyler CE, Zietman AL: A (relatively) risky business: the link between prostatic radiotherapy and second malignancies. BMJ 2016; Ebd. i1073

Quelle:

Wallis CJ et al.: Second malignancies after radiotherapy for prostate cancer: systematic review and meta-analysis. BMJ 2016; 352: i851

ICD-Codes: C61

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